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#155 - Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Im Gespräch mit Prof. em. Lucian Hölscher

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Die Zukunft kommt nicht mehr nur auf uns zu, wir schreiten nunmehr durch sie hindurch auch fort.

Was Mediation in der Lage ist zu eröffnen, ein Gericht aber kaum je, ist, dass die Konfliktentscheidung selbst und direkt mit der Zukunft rechnet, dass die Entscheidung auf Füße gestellt wird, die bereits einen Abdruck in der (vorgestellten) Zukunft hinterlassen haben. Das ist eine strategische Ausrichtung der Konfliktbearbeitung und -entscheidung, die allein nur die Mediation anbietet und Konfliktparteien nutzen können, die sich, weil vertraglich vereinbart, in Mediationen das anvisieren, ausformulieren und aushandeln können. Das unterscheidet im Kern die Mediation von anderen Konfliktbearbeitungsmethoden, wenn sie es denn in der Praxis auch tut.

Mediation will und kann den Kuchen vergrößern und sich nicht nur einfach gut beim Backen unterhalten.

Im Gespräch mit Lucian Hölscher werden die Anfänge dieser mentalen Revolution, die noch nichts mit Moderner Mediation zu tun hatten, erläutert, die für uns Heutigen fast schon selbstverständlich sind. Interessant dabei ist nicht nur der Entwicklungsprozess selbst, sondern dass sein Wirkungsfeld vor allem der umwälzende Perspektivenwechsel ist, den der Frühkapitalismus praktisch angeboten hat, namentlich dass die Zukunft durch gegenwärtige Vorstellungen und insoweit riskante Umsetzungsideen und -akte gestaltbar ist.

Die Vorstellungen von künftigen Zuständen sind Teil gegenwärtiger Entscheidungsprozesse.

Literatur: Die Zusammenhänge dieser veränderten Zukunftsvorstellungen zur Mediation und Konfliktbearbeitung habe ich bereits vor Jahren in zwei Fachaufsätzen dargelegt:

  • Die Strategische Mediation. Plädoyer für einen überfälligen Perspektivwechsel. Teil 1 – Mit der Zukunft rechnen, statt sich nur eine zu wünschen; in: Spektrum der Mediation, Ausgabe 70, Dezember 2017, S. 18-22. (LINK)
  • Die Strategische Mediation. Plädoyer für einen überfälligen Perspektivwechsel. Teil 2: Mediation und Kapitalismus; Spektrum der Mediation, Ausgabe 71, S. 26 – 30. (LINK)

Zukunftsvorstellungen und Mediation

Mediation ist in der Lage, die Zukunft als Reflexionskategorie für die Konfliktbearbeitung in den Blick zu nehmen, wie es eine juristische oder schlichtende Bearbeitung nicht kann. Während die Schlichtung ihrer Anlage nach allein die Differenzen der Gegenwart in den Blick nimmt und deren Mitte als Kompromiss anbietet, nimmt der Richter das Gesetz als aus der Vergangenheit geronnenes Erfahrungswissen in den Blick, um Konfliktentscheidungen zu fällen. (Dass auch Richter oder Schlichter ganz praktisch eine Folgenabschätzung vornehmen und damit gewissermaßen in die Zukunft schauen, lass' ich hier mal unter den Tisch fallen, weil Praxis und Theorie doch zweierlei Dinge sind…)

Die Zukunft als Reflexions- und Entscheidungskategorie ist allerdings nicht allein eine sog. Zukunftsorientierung. Konflikte werden immer und von allen allein deshalb bearbeitet, damit eine bessere Zukunft daraus erwächst. Diese Zukunftsorientierung allein reicht nicht aus, um den Mehrwert zu generieren, wie ihn erkennbar nur der Mediation offen steht.

Es erscheint als Ironie der Geschichte, dass die Mediation zwar den Kuchen vergrößern wollte, aber das kapitalistische Erbe geradewegs ablehnt.

Hintergründe Als Konfliktberater und Mediator ist es mir wichtig, dass Menschen gut durch die Zeit kommen, sie praktisch durch sie hindurch- und bestenfalls fortschreiten. Eine Klientin hatte mich darauf einmal aufmerksam gemacht, dass ich sie (wie auch andere) stets damit verabschiedet habe, sie möge gut durch die Zeit kommen.

Bereits diese Verabschiedungen, mehr noch aber der Titel dieses Podcasts war - das ist mir durch ihren Hinweis klargeworden - von Lucian Hölschers Buch "Die Entdeckung der Zukunft" beeinflusst gewesen.

Lucian Hölscher, deutscher Historiker, am 17. August 1948 in München geboren. Er lehrte von 1991 bis 2014 als Professor für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Autor mehrere Bücher und Artikel zu historischen Themen, darunter v.a. "Die Entdeckung der Zukunft". Hölschers Forschungsinteressen umfassen die Theorie der historischen Zeit und die Geschichte der Zukunft.

Als der Pfropfen des Jüngsten Gerichts als einzige Zukunftsaussicht sich gelöst hatte, begann die zukünftige Zeit für die Irdischen zu laufen und Eile war geboten.

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Was Mediation in der Lage ist zu eröffnen, ein Gericht aber kaum je, ist, dass die Konfliktentscheidung selbst und direkt mit der Zukunft rechnet, dass die Entscheidung auf Füße gestellt wird, die bereits einen Abdruck in der (vorgestellten) Zukunft hinterlassen haben. Das ist eine strategische Ausrichtung der Konfliktbearbeitung und -entscheidung, die allein nur die Mediation anbietet und Konfliktparteien nutzen können, die sich, weil vertraglich vereinbart, in Mediationen das anvisieren, ausformulieren und aushandeln können. Das unterscheidet im Kern die Mediation von anderen Konfliktbearbeitungsmethoden, wenn sie es denn in der Praxis auch tut.

Mediation will und kann den Kuchen vergrößern und sich nicht nur einfach gut beim Backen unterhalten.

Im Gespräch mit Lucian Hölscher werden die Anfänge dieser mentalen Revolution, die noch nichts mit Moderner Mediation zu tun hatten, erläutert, die für uns Heutigen fast schon selbstverständlich sind. Interessant dabei ist nicht nur der Entwicklungsprozess selbst, sondern dass sein Wirkungsfeld vor allem der umwälzende Perspektivenwechsel ist, den der Frühkapitalismus praktisch angeboten hat, namentlich dass die Zukunft durch gegenwärtige Vorstellungen und insoweit riskante Umsetzungsideen und -akte gestaltbar ist.

Die Vorstellungen von künftigen Zuständen sind Teil gegenwärtiger Entscheidungsprozesse.

Literatur: Die Zusammenhänge dieser veränderten Zukunftsvorstellungen zur Mediation und Konfliktbearbeitung habe ich bereits vor Jahren in zwei Fachaufsätzen dargelegt:

  • Die Strategische Mediation. Plädoyer für einen überfälligen Perspektivwechsel. Teil 1 – Mit der Zukunft rechnen, statt sich nur eine zu wünschen; in: Spektrum der Mediation, Ausgabe 70, Dezember 2017, S. 18-22. (LINK)
  • Die Strategische Mediation. Plädoyer für einen überfälligen Perspektivwechsel. Teil 2: Mediation und Kapitalismus; Spektrum der Mediation, Ausgabe 71, S. 26 – 30. (LINK)

Zukunftsvorstellungen und Mediation

Mediation ist in der Lage, die Zukunft als Reflexionskategorie für die Konfliktbearbeitung in den Blick zu nehmen, wie es eine juristische oder schlichtende Bearbeitung nicht kann. Während die Schlichtung ihrer Anlage nach allein die Differenzen der Gegenwart in den Blick nimmt und deren Mitte als Kompromiss anbietet, nimmt der Richter das Gesetz als aus der Vergangenheit geronnenes Erfahrungswissen in den Blick, um Konfliktentscheidungen zu fällen. (Dass auch Richter oder Schlichter ganz praktisch eine Folgenabschätzung vornehmen und damit gewissermaßen in die Zukunft schauen, lass' ich hier mal unter den Tisch fallen, weil Praxis und Theorie doch zweierlei Dinge sind…)

Die Zukunft als Reflexions- und Entscheidungskategorie ist allerdings nicht allein eine sog. Zukunftsorientierung. Konflikte werden immer und von allen allein deshalb bearbeitet, damit eine bessere Zukunft daraus erwächst. Diese Zukunftsorientierung allein reicht nicht aus, um den Mehrwert zu generieren, wie ihn erkennbar nur der Mediation offen steht.

Es erscheint als Ironie der Geschichte, dass die Mediation zwar den Kuchen vergrößern wollte, aber das kapitalistische Erbe geradewegs ablehnt.

Hintergründe Als Konfliktberater und Mediator ist es mir wichtig, dass Menschen gut durch die Zeit kommen, sie praktisch durch sie hindurch- und bestenfalls fortschreiten. Eine Klientin hatte mich darauf einmal aufmerksam gemacht, dass ich sie (wie auch andere) stets damit verabschiedet habe, sie möge gut durch die Zeit kommen.

Bereits diese Verabschiedungen, mehr noch aber der Titel dieses Podcasts war - das ist mir durch ihren Hinweis klargeworden - von Lucian Hölschers Buch "Die Entdeckung der Zukunft" beeinflusst gewesen.

Lucian Hölscher, deutscher Historiker, am 17. August 1948 in München geboren. Er lehrte von 1991 bis 2014 als Professor für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Autor mehrere Bücher und Artikel zu historischen Themen, darunter v.a. "Die Entdeckung der Zukunft". Hölschers Forschungsinteressen umfassen die Theorie der historischen Zeit und die Geschichte der Zukunft.

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